Publikation Milliarden arbeitende Menschen – das sicherste Wertpapier der Superreichen –

Ein Gastbeitrag von Prof. Franz Schneider

Information

Die Überschrift mag vielleicht erstaunen und dennoch lässt sie sich einfach erklären.

Um wirklich zu verstehen, was auf unserem Planeten vor sich geht, ist es unerlässlich, auf das Geld- und Finanzsystem zu schauen. Dort werden alle Weichen gestellt.

Zentralbanken, Maschinisten im Geld- und Finanzsystem

Die Maschinisten in diesem System sind die Zentralbanken. Obermaschinist der Gegenwart ist die amerikanische Notenbank oder Zentralbank. Die FED, die Federal Reserve.

Zentralbanken sind die einzige von der jeweiligen Regierung befugte Instanz, wirklich werthaltiges Geld herzustellen. Sie alleine haben das Währungsmonopol und können gesetzliches Zentralbankgeld herstellen. Die Regierungen haben ihnen dieses Recht übertragen. In Demokratien erhalten diese Regierungen dieses Recht durch Bürger, die sie mehrheitlich gewählt haben. In Halb-Diktaturen oder Voll-Diktaturen übergehen die Herrscher auch mal kurz das Volk.

Das oberste werthaltige Geld weltweit ist der amerikanische Dollar. Alle wollen ihn in Händen halten.

Nur Zentralbanken also, nicht die Geschäftsbanken wie die Bank of America, die Deutsche Bank, nicht die Sparkassen, nicht die Volks- und Raiffeisenbanken können Zentralbankgeld herstellen. Das Geld, das die Banken herstellen, haben die Bürger auf ihren Girokonten. Dieses Geld heißt Giralgeld. Man verwendet auch die Begriffe Bankengeld oder Buchgeld. Dieses Giralgeld wird erst dann zu vollwertigem Geld, also Zentralbankgeld, wenn der Bankkunde zur Bank geht und sich das Geld auf seinem Girokonto bar auszahlen lässt.

Finanzkrise 2007-2009 Weckruf für eine veränderte Zentralbankstrategie

Und nun ein paar Erklärungen dazu, was sich in diesem Geld- und Finanzsystem seit den 90 er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach und nach verändert hat. Es sind Veränderungen, die in der Finanzkrise 2007-2009 und in der Covid-Krise schlaglichtartig auf sich aufmerksam machten.

Zwei geldpolitische Phasen lassen sich unterscheiden. Eine vor der Finanzkrise und eine nach der Finanzkrise. Letztere wird, wenn nichts Entscheidendes auf der politischen Bühne geschieht, die nächsten Jahrzehnte weltweit bestimmen. Der Übergang von der ersten zur zweiten Phase geschah nicht plötzlich. Die zweite Phase bahnte sich schon den 90er Jahren an. Die Finanzkrise wirkte wie ein Weckruf an die Zentralbanken, nun endlich „Nägel mit Köpfen zu machen“. Die Zentralbanken sind die Hauptakteure dieses Veränderungsprozesses.

Leitzinspolitik am Ende

In der ersten Phase spielt der Leitzins die entscheidende Rolle. Die Zentralbanken legen ihn fest. Mit diesem Zins bestimmen sie den Preis, zu dem die Banken Geld bei ihnen bekommen (oder auch bei ihnen „einlegen“ können).

Zu Erklärung kurz Folgendes:

Nur Geschäftsbanken haben das Recht, direkt von der Zentralbank „gutes“ Geld zu bekommen. Die Bürger können sich nicht direkt an die Zentralbank wenden. Die Banken brauchen dieses Geld, um ihr eigenes Geld, das Giralgeld „machen“ zu dürfen. Aber nicht im Verhältnis 1:1. In 100 Euro Giralgeld brauchen nur 2,5 Euro Zentralbankgeld „drinzustecken“. Diese 2,5 Euro sollen mit ihrem echten Wert ausreichen, um 97,5 Euro ohne wirklichen Wert abzusichern. So einfach funktioniert das Giralgeld. Die Zentralbanken bzw. die Regierungen treiben diesen großzügigen Umgang mit den Geschäftsbanken und ihrem Privatgeld aber noch weiter auf die Spitze. Sie geben den Banken das Recht, einem Kunden 100 Euro Bargeld, also Zentralbankgeld von seinem Girokonto (Giralgeldkonto) auszuzahlen, wenn er dies wünscht. Man spricht von dem „Einlösungsanspruch“. Dieser Anspruch wurde niemals in einem ordnungsgemäßen parlamentarischen Verfahren vor den Augen der Öffentlichkeit verhandelt. Er wurde ganz „diskret“ durchgesetzt.

Zurück zum Leitzins.

Der von den Zentralbanken vorgegebene Geldpreis soll auch den Geldpreis bestimmen, den die Geschäftsbanken von ihren Kunden verlangen, wenn diese einen Kredit haben möchten. Also, der private Bürger, das Unternehmen und sogar der Staat (Gemeinde, Land Bund).

Mit dem Geldpreis will die Zentralbank die Geldmenge steuern, die insgesamt im Umlauf ist. Es darf nicht zu wenig sein, denn dann geht der Wirtschaft die Luft bzw. das Geld aus. Es besteht die Gefahr der Deflation. Es darf auch nicht zu viel Geld sein, denn dann besteht die Gefahr, dass die Menschen mehr kaufen wollen, als die Wirtschaft produzieren kann. Und das erzeugt (Nachfrage-)Inflation. Diese Gefahr besteht so gut wie nicht mehr.

Bei dieser Form der Geldpolitik sind die Zentralbanken darauf angewiesen, dass die Banken „mitspielen“. Die Zentralbanken erwarten nämlich, dass die Banken viele Kredite vergeben, wenn das Geld billig ist und weniger Kredite vergeben, wenn das Geld teuer ist.

Dieses System hat so lange einigermaßen funktioniert, wie die Unternehmen in der sogenannten Realwirtschaft noch recht gut verdienen konnten. Sie produzierten Waren und diese Waren ließen sich ohne Probleme verkaufen. Wenn sie neue Maschinen brauchten, finanzierten sie diese über einen Kredit. Der Kredit ließ sich ja leicht zurückzahlen. Man wusste ja, dass man mit der neuen Maschine einen guten Gewinn machen wird.

Nun sind die Zentralbanken schon eine geraume Zeit bei Nullzinsen und sogar Negativzinsen angekommen. „Die Pferde saufen immer noch nicht“ so, wie sich das die Zentralbanken vorstellten. Die Realwirtschaft dümpelt weiter vor sich hin. Der beste Beweis dafür, dass das Leitzinsmodell ausgereizt ist.

Nach und nach mussten die Unternehmen und ganz besonders die ganz großen feststellen, dass sich mehr Geld verdienen lässt, wenn man nicht mühsam produziert, sich nicht direkt mit den Kunden und den Gewerkschaften herumschlagen muss usw., sondern wenn man ganz einfach aus dem Geld, das man besitzt, mehr Geld macht.

Ihr Blick richtete sich auf den Finanzmarkt. Das private Großkapital hatte großes Interesse am Auf- und immer weiteren Ausbau des Finanzmarktes. Es konnte dort sein „eigenes Ding“ machen. Dabei spielt das sogenannte Schattenbankensystem eine ganz entscheidende Rolle. Schattenbanken sind Banken, die im Schatten aktiv sind. Sie machen dort Dinge, von denen die Öffentlichkeit nichts mitbekommen soll.

Ausbau des Schattenbankensystems

Nehmen wir an, eine Bank hat eine bisher nicht genutzte Gewinnnische ausgemacht. Sie vergibt viele Immobilen Kredite an Menschen, die relativ wenig verdienen. Diese freuen sich, endlich in eigenen vier Wänden leben zu dürfen. Es bedarf keiner Verführungskünste des Kreditberaters. Die neuen Eigenheimbesitzer freuen sich noch mehr, als sie feststellen, dass ihr Heim an Wert gewinnt. Das erfreut auch die Bank, denn nun hat der Eigenheimbesitzer einen wachsenden Wert, den er als Sicherheit in Waagschale werfen kann, um einen weiteren Kredit von der Bank zu bekommen usw.

Plötzlich aber hört der Wertzuwachs – aus welchen Gründen auch immer – auf. Die Preise der Immobilien gehen sogar zurück. Das von den Besitzern eingebrachte Eigenkapital ist so niedrig oder sogar überhaupt nicht vorhanden, dass die Überschuldung unvermeidlich ist. Die Bank zieht sich aus der Kreditfinanzierung zurück und nimmt ihr Recht der Zwangsversteigerung wahr.

Das Unheil hatte sich schon einige Zeit angekündigt. Die Banken, die die Kredite vergeben hatten, kamen deshalb auf die Idee, dass sie diese Kredite als „Wertpapiere“ verpackten. Sie mischten noch andere Wertpapiere hinzu. Auf jeden Fall so geschickt, dass niemand mehr wissen konnte, was sich in dem „Wertpapier“ verbrigt. Man nennt diesen Verfahren zur Verschleierung des wahren Inhaltes eines Wertpapiers „Verbriefung“. So, wie man einen Brief zuklebt. Was drin ist, kann man nicht feststellen.

Mit einem solchen Wertpapier in der Hand konnten die Immobilien-Kunden weitere Kredite bekommen. Denn das Wertpapier diente ja als Sicherheit. Allerdings hatte sich diese Praxis zwischen Banken mittlerweile herumgesprochen auf der ganzen Welt. Und nun wurde es brandgefährlich für das weltweite Bankensystem.

Bankensystem ein geschlossenes Gleichschritt-System

Man muss wissen, dass das Bankensystem ein geschlossenes System ist. Alle Banken in ihm müssen im Gleichschritt gehen. Keine darf ausscheren. Dieser Gleichschrittmechanismus ist ungeheuer wichtig. Er erlaubt den Geschäftsbanken, sich mit ihrem eigenen Geld, dem Giralgeld, weitgehend unabhängig von dem Zentralbankgeld und den Zentralbanken zu machen.

Sie dürfen sich zwar untereinander nur mit Zentralbankgeld bedienen (Interbankengeldmarkt), aber sie machen das mit Hilfe eines systeminternen Verrechnungssystems (Target-System) so geschickt, dass sie viel viel weniger Zentralbank brauchen, als sie Giralgeld bewegen (siehe oben 2,5 % zu 97,5 %).

Angenommen zwischen zwei Banken fließen am Tag durch Überweisungen 1 Million Euro in die eine Richtung und 980 000 Euro in die andere, dann wird am Abend saldiert. Es bleiben 20000 Euro und nur diese müssen im Bankensystem vorrätig sein.

Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass dieses System funktioniert, ist Vertrauen, denn das System ist Spitz auf Knopf im Hinblick auf Zentralbankgeld genäht. Banken müssen sich gegenseitig vertrauen, dass in ihren Bilanzen hinter Zahlen auch vertrauenswürdige Werte stehen. Wenn sich aber herumspricht, dass viele Banken wackelige Wertwertpapiere wie diese verbrieften halten, dann verschwindet dieses Vertrauen. Keine Bank möchte mehr mit der anderen etwas zu tun haben. Sie leihen sich kein Geld mehr untereinander, das sie benötigen, wenn bei der abendlichen Saldierung ein Minus herauskommt. Das muss nämlich sofort wieder beseitigt, d.h. wieder aufgefüllt werden. Wenn aber dieser Handel zwischen den Banken nicht mehr funktioniert, dann bricht das Kartenhaus, das bankensysteminterne Kreditkartenhaus, zusammen.

Finanzkrise eine Krise des Schattenbankensystems

Und genau das geschah 2008, als die große Investmentbank Lehman Brother auf einem Berg solcher verbrieften Kredite saß. Man spricht von der Subprime-Krise, weil ursprünglich Immobilienkredite an Personen vergeben wurden, die keine oder nur wenige Sicherheiten bieten konnten. Die Folge davon, dass mit dem „Wertpapier“ verbriefter Kredite kein Blumenstrauß zu gewinnen bzw. kein Geld mehr zu bekommen war, war eine weltweite Banken- und Finanzkrise. Der Geldfluss zwischen den Banken versiegte. Ihre Auswirkungen waren auch in Deutschland zu spüren, weil deutsche Banken bei dem waghalsigen Abenteuer der verbrieften Kredite mitspielten. Das gesamte Kreditabenteuer spielte sich im Hintergrund, eben im Schattenbankensystem, ab.

Im Vorfeld der sich anbahnenden Krise hatten viele „honorige“ Geschäftsbanken, die Kreditleichen aus ihren offiziellen Bilanzen entfernt. Dazu schufen sie ihre Schattenbank, lagerten die faulen Kredite in deren Bilanz aus, in der Hoffnung, sie so entsorgen zu können.

Die Akteure des Schattenbankensystems sind große Geschäfts- und Investmentbanken wie J.P. Morgan, Bank of America, Citigroup, Deutsche Bank, Commerzbank, ja sogar Landesbanken etc., große Vermögensverwalter wie Blackrock, Wertpapierverwalter, Fonds aller Art etc. Kurz, es sind Akteure des privaten Großkapitals.

Ihr Bestreben geht „verständlicherweise“ dahin, sich der Aufsicht durch Zentralbanken zu entziehen. Insbesondere all den Regulierungen, die durch die „Zentralbank der Zentralbanken“, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ in Basel, ersonnen werden. Die Dokumentenberge der sogenannten Basel-Bestimmungen zur Eigenkapitalquote und Kreditvergabe geben beredtes Zeugnis davon.

Ursache der Krise, ein „marktbasiertes Kreditsystem“ mit unzureichenden privaten Sicherungsinstrumenten

Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, ein eigenes Kreditvergabesystem aufzubauen. Wir nennen es mit den Worten von Joscha Wullweber1 „marktbasiertes Kreditsystem“ im Gegensatz zu dem „bankbasierten Kreditsystem“, wie es für die Periode einer funktionierenden Leitzinspolitik der Zentralbanken charakteristisch ist.

Jedes Kreditsystem ist auf Kreditsicherheiten angewiesen. Das wissen natürlich die Konstrukteure des „marktbasierten Kreditsystems“. Sie ersinnen äußerst riskante private Sicherungsinstrumente, sogenannte Derivate, die diese Funktion übernehmen sollen. Ihre Anzahl ist unüberschaubar. Die Zentralbanken sahen diesem Spiel schon vor der Krise jahrelang zu, ohne aktiv einzugreifen.

Wie funktioniert dieses System?

Zentrales Instrument des marktbasierten Kreditsystems innerhalb des Schattenbankensystem sind Sicherheitsverträge oder, genauer ausgedrückt, Wertpapierverträge, die als Sicherheiten beim Geldverleih dienen.

Sie heißen Repos. Dies ist die Bezeichnung für Repurchase Agreements, worunter „Rückkauf-Vereinbarungen“ zu verstehen sind. Repo-Geschäfte sind kurzfristige Geschäfte, die meist über die Nacht abgeschlossen werden. Sie können maximal bis zu einem Jahr Laufzeit haben.

Das Geschäft läuft wie folgt ab: der Verkäufer des Wertpapiers bekommt von dem Käufer des Wertpapiers einen Kredit über 1000 Euro. Der Verkäufer vereinbart mit dem Käufer, dass er das Wertpapier wieder am nächsten Tag für 1000 Euro + 50 Euro Zinsen (Reposatz) zurückkauft. Längere Zeit braucht er den Kredit zur Überbrückung seines kurzfristigen Liquiditätsengpasses nicht. Wie gesagt, das System ist Spitz auf Knopf genäht. Wenn der Wert des Wertpapiers am nächsten Tag gefallen ist, muss der Verkäufer des Wertpapiers den Wertverfall durch eine zusätzliche Zahlung an den Käufer ausgleichen. Wenn der Wert des Papiers steigt, muss der Käufer des Wertpapiers die Wertsteigerung durch eine zusätzliche Zahlung an den Verkäufer ausgleichen. Man spricht von Nachschusspflichten. So weit so gut.

Dieses System konnte nie wirklich funktionieren, zu groß waren die Instabilitäten, zu riskant die Geschäfte, zu wenig sicher die privaten Wertpapiere. Bis es dann zur Finanzkrise 2007-2009 kam. Da fiel es in sich zusammen.

Und was taten die Zentralbanken? Sie reichten den Verursachern der Krise die rettende Hand. Der alles andere als unschuldigen Finanzbranche halfen sie mit Milliardenhilfen aus der Patsche.

Was war schiefgelaufen? Genug Geld war immer vorhanden. Das Großkapital musste aber erkennen, dass Geld alleine nicht reicht, um daraus mehr Geld zu machen. Dazu muss Geld auch „fließen“. Derjenige, der sein Geld aus der Hand gibt, muss auch sicher sein, dass es „unterwegs“ nicht an Wert verliert, dass es nicht irgendwo versickert, sondern dass es eben wieder zu ihm möglichst mit Gewinn zurückfließt. Es muss also liquide sein. Es darf seine „Flüssigkeit“ nicht verlieren.

Das Großkapital machte mit seinen eigenen Wertpapieren die Erfahrung, dass sie in jeder Krise sehr schnell an Wert verlieren, weil jeder sie verkaufen möchte, um an Geld heranzukommen. Wer aber kauft dann noch solche Wertpapiere, wenn sie nicht mehr liquide gemacht werden können, also kein Geld mehr dafür zu bekommen ist?

Mit dem sichersten Wertpapier in der Hand wird die Zentralbank zum zentralen Market-Maker (Marktmacher) und Dealer (Händler) auf dem Repo-Markt

Vor all diesen Unwägbarkeiten kann ein Akteur nur bewahrt werden, wenn er ein Wertpapier in Händen hält, das ihm verspricht: „Wenn Du Dein Geld verlierst, dann bekommst Du das wieder, wenn Du Dein Wertpapier vorlegst.“ Welches Wertpapier aber ist zu diesem Versprechen in der Lage? Es kann ja nur eines mit der höchstmöglichen Sicherheitsgarantie sein. Welches Papier ist das? Die Staatsanleihe. Und wer besitzt diese? Die Zentralbank.

Mit dieser Einsicht ist ein tiefgreifender Rollenwechsel der Zentralbanken verbunden. In der Ära der Leitzinssteuerung kam der Zentralbank die Rolle des Lender of Last Resort zu. Sie spielte die Geldfeuerwehr, wenn es brannte. Diese Rolle aber wollte sie nicht weiterhin spielen. Sie wollte nun selbst aktiv mitmischen im Repo-Geschäft. Als Dealer und Market-Maker of Last Resort. Also als Händler und Marktmacher der letzten Instanz, und zwar sowohl auf der Geldhebelseite als auch auf der Seite des Sicherheitshebels. Das ist der Zustand, in dem sich das unser Geld- und Finanzsystem dominierende Schattenbankensystem derzeit befindet. Das Schattenbankensystem ist so mächtig geworden, dass dort mittlerweile 50 % der Kredite vergeben werden. Dass es dabei nie um kleine Summen geht, bedarf keiner Erläuterungen.

Ihre besondere Note erhält dieses offiziell abgesegnete Schattenbankensystem noch dadurch, dass die Zentralbanken auch solchen Akteuren Zugang zu Zentralbankgeld und damit auch zu Staatsanleihen gewähren, die bisher keinen solchen Zugang hatten. Sie bekommen damit den Status von Geschäftsbanken. Gemeint sind etwa große Vermögensverwalter, Geldmarktfonds, Pensionsfonds, Versicherungen etc.

Jedes kapitalistische Finanzsystem ist inhärent (innerlich) unvermeidlich instabil

Auch dieses System ist von ständiger innerer Instabilität bedroht. Es kann gar nicht wirklich stabil sein, weil die Zentralbanken auf der einen Seite ständig Milliarden- und Billionen-Geldbeträge hineinschießen – Stichworte „lockere Geldpolitik“ oder „Quantitative Easing“ –. Auf der anderen Seite legen sie unentwegt neue Staatsanleihen auf. Hier wird Unsicherheit durch alle mit den riesigen Geldmengen möglichen Finanzakrobatien, sprich Spekulationsgeschäften, geschürt. Dort wird den selbst verursachten Sicherheitsrisiken durch die ständige Auflage von neuen Staatsleihen zu begegnen versucht.

Mit dem Angebot des Wertpapiers „Staatsanleihe“ will der Staat an frisches Geld kommen. Er ist sogar so großzügig, dass er den Käufern dieser Anleihen das dazu notwendige Zentralbankgeld zur Verfügung stellt. Er hat schließlich das Währungsschöpfungsmonopol. Mit allen neuen Staatsanleihen aber schiebt er einen immer größeren Geldberg vor sich her. Die Endabrechnung wird auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Auf den Tag also, an dem die Geldberge den tatsächlichen Werten gegenübergestellt werden, die sie versprechen. Das Ergebnis dürfte so lauten: „Der Berg kreißte – und gebar eine Maus“.

Aber auch damit ist nicht gesagt, dass das System dann endgültig zusammenbricht. Ohne „Kollateralschäden“ – so werden es die Verursacher darstellen – kann es eben nicht abgehen. Die Geldhebel werden wieder neu in Bewegung gesetzt und das System beginnt von neuem zu laufen.

Wullweber spricht treffend von dem „Zentralbankkapitalismus“. Zentralbanken managen ja in stillschweigender Übereinkunft mit den Staaten bzw. den Regierungen und dem privaten Großkapital dieses System.

Ob dieses System des Zentralbankkapitalismus das schaffen wird, was in der Ära einer Leitzinspolitik nicht mehr gelang – das Anschieben der Realwirtschaft –, ist noch längst nicht ausgemacht.

Die Verlierer sind immer die wirklichen Sicherheitsgaranten – die Milliarden arbeitenden Menschen

Diejenigen, die die größten Schäden davontragen, wenn es mal wieder zur Krise kommt, werden jene sein, die als Garanten für dieses System in Anspruch genommen wurden. Es werden immer die sein, die den Akteuren im Zentralbankkapitalismus mit ihrer Arbeitskraft das sicherste Wertpapier zur Verfügung stellen.

Es sei denn, sie durchschauen dieses System und beschließen, ihm nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Sie müssen sich darauf einstellen, dass sie diesen Entschluss in einer bis dahin weltweit digitalisierten und kontrollierbaren Überwachungsgesellschaft treffen müssen.

Franz Schneider, Saarbrücken, 18.10.2021