Nachricht | Der Bliesgau blüht auf?

Bienen und Hummeln als „Missbrauchsopfer“ von Umweltministerium und Bauerverband.

Foto: Patric Bies

Wer es durch eigene Lebenspraxis noch nicht besser wusste, der kann nun schwarz auf weiß nachlesen: Artenschutz sind auch dem Saarländischen Bauernverband und Ministerium für Umwelt sehr wichtig. Um dieses Ansinnen zu untermauern, geht deren Blüh-Initiative „Saartenvielfalt“ nach 2020 diesem Sommer in die zweite Auflage. Wer möchte, kann sich Parzellen an Flächen mieten, auf die dann ein Landwirt Blüh-Pflanzen sät.
Nach Aussage des Bauernverbandes, kamen so letztes Jahr sage und schreibe 300.000 m² Blühfläche zusammen. Umgerechnet auf die landwirtschaftliche Fläche des Saarlandes mit 380.000.000 m², können diese 0,08 Prozent nur rein kosmetischer Natur sein. Und bezahlen tut der Bauernverband diese Initiative noch nicht einmal selbst, sondern lässt sie sich sponsern.

Problematische Unterstützer

Wie einer Themenbeilage der Saarbrücker Zeitung zu entnehmen ist, haben sich einige „ökologische Schwergewichte“ als Sponsoren gefunden. Da ist beispielsweise die Maschinenbaufirma Woll in Saarbrücken-Gersweiler, die sich „für die Schaffung neuer Lebensräume für Insekten und Kleinstlebewesen einsetzt“, kürzlich aber einen zwei Hektar großen intakten Wald hat roden lassen. Oder das Autohaus Deckert, seit Jahrzehnten bekannt durch familienfreundliche SUV's mit Spitzenverbrauch an Diesel und Super. Nicht vergessen werden darf die „Feinschmeckerei“ Schröder-Fleischwaren, ein Unternehmen im Billigfleischsystem dank Massentierhaltung, dass sich ebenfalls fortan für „Hummeln, Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten im Saarland“ einsetzen will. Und wer nun meint, die Aktion „Saartenvielfalt“ sei ein Jux, scheint nicht zu wissen, dass die Naturschutzverbände NABU und BUND diese Aktion noch unterstützen, statt klar ihre Stimme gegen die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln und Mais im Saarland zu erheben. Dabei mahnt der Deutsche Imkerverband: „Mais benötigt hohe Mengen an Insektiziden, Herbiziden, Fungiziden und Düngemitteln, stellt also ein Problem mit Langzeitfolgen dar.“

Landwirte weiterhin für Artenschwund?

Obwohl nun selbst der Unbedarfteste kapieren dürfte, dass es sich hier nur um reine Symbolpolitik handelt, wenn nur geringe Flächen zum Erblühen gebracht werden, setzte das Umweltministerium noch eins drauf. Unlängst erfuhr die staunende Öffentlichkeit, dass das Saarland beim Insektenschutz „eigene Wege“ geht, um so dem Bundesnaturschutzgesetz zuvorzukommen.
Ganz gleich, ob das Bundesnaturschutzgesetz die richtigen Impulse gegen das Artensterben setzt, die Verweigerungshaltung des Saarlandes betoniert eher den objektiv stattfindenden Artenschwund. Saarländische Landwirte dürfen weiterhin das Ihrige dazu beitragen, statt einen Entwicklungsplan gemeinsam mit den Landwirten zu erstellen, wie sich Pflanzenschutz und Maisanbau – allesamt wichtige Punkte beim Thema Vielfalt - reduzieren lassen. Die Hinwendung zu mehr Regionalität wäre sicherlich einer von mehreren Wegen.

Eine Landschaft in Mais

Welche Landschaftsbilder sich stattdessen ergeben, wenn nach der sommerlichen Ernte von Getreide und anderen Kulturpflanzen nur noch der problematische Mais auf dem Acker verbleibt, das hat der Regionalmitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung Patric Bies im Spätsommer letzten Jahres mit der Kamera im Bliesgau eingefangen.
 
Im UNESCO-Biosphärenreserverat deshalb, weil man hier annehmen könnte, dass Mais und Glyphosat kaum noch eine Rolle spielen und Landwirte im Einklang mit der Natur arbeiten. Doch weit gefehlt. Während dort einzelne Landwirte ihre Wege in der Regionalproduktion gehen und zunehmend naturverträglich(er) handeln, setzen andere weiterhin auf wenig zukunftsfähige und veraltete Modelle der Landnutzung, mit zu hohen Viehbeständen und der damit verbundenen Ausweitung des Viehfutteranbaues mit Silomais, trotz aller negativen Konsequenzen für Umwelt, Natur und Mensch.

Landwirte als Partner von Verbrauchern

Besser wäre die Priorisierung einer geschlossenen Nahrungskette, vom Acker bis auf den Teller der Verbraucher*innen – wie es schon einige Landwirte vormachen, rät Bies. Angesichts ihrer volkswirtschaftlich eher geringen Bedeutung, habe die hiesige Landwirtschaft die einmalige Chance, ihre Produkte zu höheren Marktpreisen abzusetzen, weil sie interpretierbar und hochwertiger sind, wie die aus anonymer Massenproduktion. Statt „Turbokühe“ mit hohen Milch- oder Fleischleistungen, sollten alte, teilweise vom Aussterben bedrohte Rinder- und andere Haustierarten (z.B. das Glanrind), wieder eine Chance bekommen. Auch lassen die wenigen Getreidesorten, kaum mehr Kornblumen für Fluginsekten wachsen, aber mit traditionellen Sorten wie Emmer, Einkorn, Dinkel, Urgetreide oder auch Rot- und Gelbweizen sichere Märkte erobern. Maßnahmen, die in kurzer Zeit der Natur und den Menschen zu Gute kämen und monotone Landschaften, Mais und Initiativen wie „Saartenvielfalt“ überflüssig machen.
Aus dem Grund sollten die Verbraucher, so Bies, ihr Geld lieber für hochwertige Produkte von regionalen Landwirten z.B. über die Initiativen „Ebbes von hei“ oder „Bliesgau Genuss“ ausgeben, was ökonomisch und ökologisch deutlich sinnvoller ist, als für Blühprogramme.