Nachricht | Afrika - aus der sicht afrikanischer Fotografen

Quentin Tsangue: Herausforderungen der afrikanischen Fotografie.

Foto: Völklinger Hütte

1994 wurde die Völklinger Hütte als erstes Industriedenkmal zur Weltkulturerbe vom UNESCO.
Heute ist der gigantische ehemalige Stahlwerkskomplex ein europäisches Zentrum für Kunst und
Industriekultur über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Im Rahmen der dortigen seit 2011
veranstalteten UrbanArt Biennale kam es zu ersten Begegnungen mit afrikanischer Fotografie. Die
Urbanisierung als ein zentrales Thema afrikanischer Fotografie gab den Anlass zur Ausstellung
"Afrika aus der Sicht von Fotografen".

Die Wahl des ehemaligen Eisen- und Stahlkomplexes als Ausstellungsort ist ein Gewinn für die
Verbreitung und Bekanntmachung dieser Werke bei einem breiteren Publikum. Die Schließung
aufgrund der durch COVID-19 verursachten Krise hat die Ausstellung auf den virtuellen Weg
gebracht und den Zugang zur Ausstellung über Online-Dienste und zwar Website, YouTube,
Google Street View, 3D-Tour ermöglicht. Insbesondere das Online-Angebot macht es einem
Publikum zugänglicher, das geografisch weiter vom Ausstellungsort entfernt ist. Die Themen
reichen von Tanz bis Popkultur, von den 50er und 60er Jahren bis zum Bergbau in Südafrika, der
mit der Geschichte der Völklinger Hütte korrespondiert.

Die Online-Ausstellung bietet afrikanischen Künstlern eine Plattform, um ihre photographischen
Werke über Landesgrenzen hinaus zum Ausdruck zu bringen. Die Fotografien
geben Einblick in die  Vielfalt des Kontinents mit allen Facetten von Tradition, Moderne,
Postmoderne und Futurismus. Noch besser: Die künstlerischen Arbeiten räumen mit den exotischen
Phantasien über Afrika auf und weisen eine große Bandbreite an Themen und künstlerischer
Inszenierung auf.

In der Tat hat Afrika seit 1994, dem Jahr der Einführung der Bamako Biennale, dem Hauptereignis
in punkto afrikanischer Fotografie einen langen Weg zurückgelegt, um seine ganz eigene
Kunst selbstbewusst zu präsentieren, die lange Zeit im Schatten stand. Aber immer noch haben vor allem
Forscher*innen und Kurator*innen die Deutungshoheit, die größtenteils außerhalb Afrikas leben.

Doch allmählich beginnen die jungen afrikanischen Fotograf*innen zu erkennen, dass die
afrikanische Kunst(-geschichte) neu überdacht und vielleicht sogar neu geschrieben werden
muss. Immer mehr junge Fotografen versuchen, sich dieser Geschichte gegenüber
zu stellen, sie weiterzuentwickeln und das zu bewahren, was von einem reichen und
verschwindenden Erbe übriggeblieben ist. Diese begrüßenswerte neue Situation sollte jedoch
nicht über die enormen Schwierigkeiten hinwegtäuschen, mit denen diese Künstler-Forscher in
Afrika heute konfrontiert sind, um voranzukommen: allgemeine Gleichgültigkeit seitens der
Institutionen und der nationalen oder internationalen Geldgeber und, als Folge davon, ein
chronischer Mangel an Ressourcen und soliden technischen Fähigkeiten, um Herausforderungen
des Erhalts zu begegnen. Das Verschwinden der Akteur*innen und Zeugen der Epoche der Aneignung
des fotografischen Werkzeugs durch die lokale Bevölkerung (im Kontext der 60er Jahre) und des
"Rohmaterials", auf das sich diese Forschung stützt; Touren von Händlern, die nicht immer
gewissenhaft sind und nach „Vintages“ suchen, mit denen sie den Sammlungsmarkt im Westen beliefern
könnten... All dies sind Hindernisse für die Arbeit der Forschung, der Erhaltung und der
Aufwertung des Erbes auf lokaler Ebene.
Seit Mitte der 1990er Jahre kam die digitale Wende, die es
heute ermöglicht, virtuell an Ausstellungen wie die der Völklinger Hütte teilzunehmen
vorausgesetzt, dass man Zugang zu einem Internetanschluss hat. Das Problem der digitalen Kluft
ist dennoch lange nicht gelöst.
Wenn Fotografien aus Afrika heute in der Völklingen Hütte zu betrachten sind, wie sieht es dann
mit der Rolle von Bamako und kulturellen Einrichtungen aus, die ihren Ruf begründet haben?
Welche weiteren Projekte werden heute aufgesetzt? Wo, von wem und für wen? Wenn die
Verästelungen erweitert, verfeinert, konsolidiert wurden und sich die fotografischen Ereignisse
auf dem Kontinent vervielfacht haben (Lagos, Addis Abeba, Antananarivo, Lubumbashi, Harare),
lässt sich noch behaupten, dass sie sich vom Bamako-Modell emanzipieren, das seinerseits einem
aus dem Norden importierten Modell nachempfunden ist? Wenn die digitale Technologie in Afrika
auf dem Vormarsch ist und eine Vielzahl an Austausch und Praktiken ermöglicht, welche
Auswirkungen könnte sie dann in den kommenden Jahrzehnten auf die Bewahrung von
Archivgütern und der Durchführung von Ausstellungen in Afrika haben? Schließlich steht die
Frage nach der internationalen Wertschätzung der afrikanischen Fotografie bei Institutionen und
Sammler*innen an.
Auch wenn Südafrika über echte Ausbildungsstrukturen und Verbreitungsstätten verfügt, die
zuverlässig genug sind, um sich auf der Weltbühne der zeitgenössischen Kunst zu positionieren,
bleibt anderswo auf dem Kontinent noch so viel zu tun. Angefangen bei der Notwendigkeit, die
Geschichte der Fotografie vor Ort abzustecken, sie von dort heraus zu legitimieren, um sich wieder
eine Vergangenheit wieder anzueignen, die durch die Schandtaten aufeinander folgender
autoritärer Regime ausgelöscht wurde, aber auch eine Gegenwart, die den Launen der
Globalisierung standhalten kann.
Es geht vor allem auch darum, sich nicht von der eigenen Realität abgeschnitten zu fühlen; der
Entfremdung durch die Ansprüche des internationalen Kunstmarktes und seiner Erwartung an
afrikanische Kunst zu widerstehen. Diese machen den künstlerischen, dokumentarischen, patrimonialen und kommerziellen
Wert afrikanischer Kunst weitgehend von außen abhängig. Eine Antwort könnte der Aufbau von Projekten
sein, die lokal Wurzeln schlagen und ein bedeutendes Echo unter den Mitbürger*innen finden
könnten oder die Ausbildung vor Ort in allen Berufen um die Fotografie herum zu erhöhen, angefangen
bei den Fotografen selbst..
Auf diese Weise kann die Fotografie junger Afrikaner dem hemmenden Griff eines hohlen und
faden Formalismus entrissen werden, um ihr das weite Feld der Phantasie zu eröffnen. All dies
sind Herausforderungen, denen sich Fotografen und diejenigen, deren Ziel es ist, ihre Arbeit zu
fördern, heute stellen müssen. Die im Norden zelebrierte Fotografie und die im afrikanischen
Alltag außerhalb von Ausstellungen ausgeübte und verbreitete Fotografie sind immer noch zwei
getrennte Welten. Wie können sich beide zusammentun, um gemeinsam zu arbeiten und Teil einer
gemeinsamen Geschichte zu werden und sich gegenseitig ergänzen?

Die ehemalige industrielle Produktionsstätte, Zentrum moderner Zivilisation, erstes Bauwerk der
Industrialisierung, industrielles und seit 26 Jahren kulturelles Herz des Saarlandes gilt als Ort
Kultureller Auseinandersetzung und mit internationaler Resonanz. Da, wo früher das Geld
verdient wurde, um Kulturstätten zu finanzieren ist eine Weltkulturerbe entstanden; Das Zeichen
industrieller, bzw. wirtschaftlicher Macht der Region ist zu einem bedeutsamen Ort der Öffnung
und Reflexion von Kulturen und Gesellschaften geworden, der jedem zum Aneignen steht. Die
Hütte als Erbe der Moderne und als Ort, wo diese aus verschiedenen Perspektiven reflektiert wird
befindet sich somit im Übergang.